Miku’s Blog: Meine liebste Anime-Con

Lange meinte Chefschreiber Michael, er hätte zwei liebste Anime-Cons – die DoKomi und den Anime Marathon. Nun, wo beide dieses Frühjahr nicht stattfinden, hat er sich festgelegt, dass er den Marathon am meisten mag. Warum schreibt er in seiner Kolumne.

In seinen Kolumnen widmet sich Michael aka Miku ganz persönlich den Themen Spiele, Anime, Cons und Szeneleben. Kann Spuren von eigener Meinung, privatem Kram und einen Mangel an Neutralität enthalten.

DoKomi vs. Anime Marathon – kann man das vergleichen?

Eigentlich kann man die beiden Cons gar nicht vergleichen – zu unterschiedlich sind sie. Man könnte sagen, sie stellen ihre eigenen widersprüchlichen Extreme dar.

So ist die DoKomi Deutschlands größte Anime-Con mit inzwischen rund 55.000 Besuchenden, füllt mehrere Messehallen und hat durchgehend zig Programmangebote gleichzeitig. Der Anime Marathon dagegen füllt „nur“ ein Tagungshotel, hat ein schmales Programm und wirkt in vielerlei Hinsicht klein und unscheinbar. Die Finesse liegt aber im Detail, und ist gänzlich anders als bei einer DoKomi.

Lange sagte ich also, sie wären beide meine Lieblingscon – jede auf ihre eigene Weise die Nummer 1. Und das stimmt auch noch – beide sind einzigartig und besonders und verdienen es einen Platz in meinem Herzen zu haben. Aber in der jetzigen Zeit, wo beide ausfallen bzw. verschoben sind, stelle ich fest, dass mir der Anime Marathon mehr fehlt.

Warum die DoKomi großartig ist

Als NRWler habe ich als Anime-Fan natürlich einen Bezug zu Düsseldorf, der Stadt mit der größten japanischen Gemeinschaft in Deutschland. Nicht nur, weil es dort japanische Buchläden gibt und hervorragendes Ramen. Als Jugendlicher war das für mich ein klein wenig das gelobte Land (Cons gab es damals noch gar nicht), und dort erlebte ich auch meine wunderschönen Anfangsschritte im Fandom: Erster Fanclub, erstes Clubtreffen, erste Freundschaften. Gefolgt vom zweiten Fanclub, mehreren Clubtreffen und vielen Freundschaften. Ja, Düsseldorf ist für mich ein wenig ein Symbolort.

Auf meiner ersten DoKomi bin ich als Supporter für Krosmaster Arena (für Pegasus Spiele)

Eine Con in Düsseldorf scheint vor dem Hintergrund der japanischen Community, Fan-Bindung und der hervorragenden ÖPNV-Anbindung eine hervorragende Idee zu sein. Das dachten sich auch die Macher der DoKomi, als sie klein anfingen und letztlich in den Messehallen landeten. Für mich war die DoKomi auch die erste Anime-Con nach einer Pause von zehn Jahren – sehr emotional für mich. Phantastisch und ernüchternd gleichzeitig – was zu meiner emotionalsten und persönlichsten Kolumne führte (und meine beste wie ich finde!).

Seitdem ist die Con weiter gewachsen, so einiges wurde verbessert, während einiges andere noch immer nicht so so rund läuft. Insgesamt läuft es aber gut – gerade angesichts der Größe und der Tatsache, dass Helfer bis hoch zu Bereichsorgas reine Ehrenamtler sind.

Deutschlands größte Anime-Con bietet mir dabei am meisten von allem: die meisten Händler, die meisten Fanstände (fast eine ganze Halle voll!), die meisten Besuchenden und Cosplayenden, das umfangreichste Programm (zwei Bühnen plus zig Workshopräume), den größten für Cosplays geeigneten Park in der Nähe. Wohin man schaut: Superlative.

Umfangreiches Programm inklusive internationalen Ehrengästen – wie hier die Tempura Kids aus Japan – sind Standard bei der DoKomi

Auf keiner anderen Con kann ich soviel erleben, so viele Leute treffen, soviel tolles Programm erleben. Wobei man bei der schieren Masse ja nur einen kleinen Teil von dem, was man machen und sehen will, auch tatsächlich erleben kann. Aber ich liebe es. Ähnlich wie die SPIEL im Spielebereich gibt es nichts größeres, und (positiver) Stress ist vorprogrammiert. Aber es ist hervorragend. Ein Event der Superlative, nach dem Urlaub angeraten ist – und wenn man Auftritte, Geld ausgeben und Leute treffen mag gibt es nichts Besseres.

Aber: Auch wenn es die größte Veranstaltung ihrer Art ist, so ist die DoKomi letztlich doch „nur“ eine Con unter vielen. Die größte, klar. Aber es gibt eben auch andere Cons die so sind, die mir das bieten können was mir die DoKomi bietet – wenn auch in kleiner, verteilter und ohne die Superlative. Was die DoKomi zur Nummer 1 unter diesen Cons macht – aber nicht einzigartig in ihrer Art. Und da ich auch auf anderen Events Leute treffe, Fotos mache, Programm anschaue etc. ist die Verschiebung der DoKomi zwar schade (wie auch bei anderen verschobenen oder ausfallenden Cons), aber gar nicht so schmerzhaft. Stattdessen merke ich, dass mich die Absage des Anime Marathons viel mehr trifft.

Rückblick: Was ich mit dem Marathon verbinde

Die Geschichte des Anime Marathons ist lang. Länger als die jeder anderen deutschen Szene-Con: Sie beginnt 1998. Damit ist dieses Event die älteste noch existente Con der Szene. Für mich beginnt sie erst später, und ich teile sie für mich in zwei Epochen: Die erste Phase als Wandercon, die jedes Jahr woanders stattfindet. Die zweite Phase mit festem Standort in Königslutter (Niedersachsen) – seit Jahren gibt es ja in allen Bundesländern Events.

Wenn ich an die alte Zeit zurückdenke (Jahrtausendwende und die Jahre danach – als so einige der heutigen Congänger*innen nicht mal geboren waren), dann habe ich einige tolle Erinnerungen und auf dem Marathon. Mein einziges mal als Händler/Verkäufer auf einer Con. Meine einzige Teilnahme an einem Cosplay-Wettbewerb (mit einem zweiten Platz der mir ziemlich unangenehm war). Die einzige gemeinsame Con zusammen mit meiner damaligen besten Freundin. Die einzigen realen Treffen mit dem größten Unterstützer meines damaligen Fanzines. Und ein langer Abend mit Cocktails.

Vorentscheid zur Deutschen Cosplaymeisterschaft auf dem Anime Marathon 2017

Aber auch die Jahre in Königslutter haben Erinnerungen geschaffen. Stundenlange nächtliche Gespräche im Rauch-Salon. Offiziell für einen DCM-Vorentscheid die Bilder schießen. Meine ersten Studiobilder. Erstmals ein eigenes Prop basteln (in einem Workshop). Alte Freunde nach Jahren wiedertreffen.

Moment, Freunde nach Jahren wiedertreffen? Warum gerade auf einer eher kleinen Con wie dem Marathon, und nicht auf einer DoKomi und Konsorten? Nun ja. Dort treffe ich natürlich auch Freunde wieder. Aber einige trifft man nur auf dem Anime Marathon – und nirgendwo sonst. Was wohl daran liegt, dass diese Con einfach ganz anders ist.

Was den Anime Marathon so anders macht

Einige Jahre lang nannte man den Marathon spöttisch als auch respektvoll „Rentner-Con“. Nicht im Bezug auf das Alter der Con – sondern auf das Alter des Besuchenden gemünzt. Während Animes und Mangas in Deutschland boomten und sich bis in die breite Masse etablieren konnten sank auch der Altersschnitt der Fans – so dass die Szene heute von vielen als eigene Jugendkultur angesehen wird. Viele Menschen, die noch studieren oder zur Schule gehen, bilden heute einen großen Teil der Community.

Natürlich gibt es auch ein paar Händler auf dem Marathon

Was auch gar nichts schlechtes ist – ohne diese breite Masse gäbe es gar nicht das heutige Luxus-Angebot in Form unzähliger Cons, zig Serien auf Netflix und Co und eine weitgehende Akzeptanz in der Allgemeinbevölkerung. Verdammt, als ich jung war gab es Mangas selbst im Comicladen kaum zu kaufen (und wenn, dass nur als Import), man war froh wenn man Brieffreunde hatte mit denen man über sein Hobby sprechen konnte und von Cons hat man nicht einmal zu träumen gewagt. Ganz abgesehen davon, dass zigfach Mangas in den Medien pauschal als „gezeichnete Kinderpornos“ verrufen wurden, und man mit einem Outing als Fan Gefahr lief entsprechend negativ gebrandmarkt und gemieden zu werden. Von diesen Zeiten sind wir dankenswerterweise inzwischen weit entfernt.

Warum hole ich nun aber so weit aus? Ganz einfach: Der Anime Marathon ist nicht nur, aber zu weiten Teilen auch ein Treffen von „Altfans“. Von jenen, die sich umgeben von Teenagern fehl am Platz fühlen als auch von jenen, die sich in den 80ern und 90ern noch in der Nische von SciFi- und Phantastikfandom als Animefans in einer viel kleineren Nische tummelten.

Auch Bühnenprogramm gibt es – hier zu sehen die Showgruppe Loki Doki

Von diesen Fans findet man nirgends sonst so viele auf kleinstem Raum wie hier. Das alleine schafft schon eine besondere Stimmung – ganz anders als auf einer Con, deren Großteil des Besuchenden noch Teenies sind. Was nicht bedeutet, dass diese nicht auch Spaß haben könnten auf dem Marathon. Man merkt dennoch, dass die Veranstaltung eine Con von Veteranen ist. Wer hier die Jagd nach Superlativen, Programmmasse und Ehrengästen sucht könnte enttäuscht sein. Stattdessen ist es eine Con im klassischsten Sinne – als Zusammentreffen. Wo die Begegnung und das Miteinander im Mittelpunkt stehen. Wo man sich untereinander teils seit Jahrzehnten kennt. Für Leute wie mich, für die die Animagic zu Koblenz gehört, der Animexx der neue Verein ist und die DoKomi die neue, junge Convention.

Um es nochmal zu betonen: Junge Fans werden damit nicht ausgeschlossen. Es könnte sich aber zunächst merkwürdig und gemächlich anfühlen im Vergleich zu anderen Cons.

Gemütlich zocken im Games Room

Die Besonderheiten setzen sich im Angebot fort. Film-Räume, in denen Taq und Nacht durchgehend Animes laufen (und der Con ihren Namen gaben), gehören zum festen Programm – was in Zeiten von Streamingdiensten und einem gefühlt unendlichem Angebot seltsam erscheinen mag. Ein Relikt aus einer Zeit, in der solche Con-Vorführungen zuweilen die einzige Möglichkeit waren einige Animes zu sehen. Und mit einer Gruppe gemeinsam einen Film auf Leinwand zu sehen ist eben doch noch etwas anders als zuhause auf dem Bildschirm.

Ähnlich sieht es mit der Manga-Bibliothek aus: Tausende Mangas und Magazine können vor Ort gelesen werden – allesamt von privat dorthin gebracht. Von aktuellen Sachen bis seit Jahren vergriffen ist alles dabei, und auch Schätze wie alte Fanzines lassen sich dort finden. Genauso beim Games Room: Von aktuellen Konsolen bis zurück in die 80er reicht das Angebot, und auch hier wird alles von privat bereit gestellt.

In der Teeküche gibt es gratis klassische japanische Sachen

Das Besonderste ist aber wohl die Teeküche: Hier gibt es den ganzen Tag japanischen Tee und Snacks. Kostenfrei! Ja, tatsächlich: Umsonst. Es gibt eine Spendendose, und scheinbar tragen die Spenden die Kosten. Hier funktioniert, was sonst fast immer scheitert: Jene, die es sich leisten könne, finanzieren das Angebot zugunsten jener, die finanziell knapper bei Kasse sind. Das es funktioniert ist wohl das beste Beispiel, was man geben kann bezüglich der Mentalität der Besuchenden.

Dazu kommt die Besonderheit, dass die Con in einem Tagungshotel stattfindet. Heißt: Ein großer Teil der Besucher nächtigt vor Ort. Man sieht sich abends, hängt nachts zusammen rum, frühstückt morgens gemeinsam, isst gemeinsam zu Abend. Freunde treffen von 10 Uhr morgens bis man abends heim fährt? Nein, nicht auf dem Marathon. Da ist man durchgehend zusammen. Und daneben ist es auch ganz praktisch, sich tagsüber auf der Con schnell zu duschen oder eine Runde zu pennen.

Und natürlich das Hotelangebot nutzen – wenn ich nicht dort im Pool schwimmen würde hätte ich es vermutlich inzwischen schon verlernt. Ansonsten lassen sich auch tolle Bilder im Pool machen, die auf einer normalen Con nicht entstehen könnten. Man könnte die Liste an Eigenheiten noch wesentlich länger fortführen.

Der Pool lädt zum planschen ein

So kommen viele Details zusammen – durch die Besuchenden, durch das traditionelle Angebot, durch die Hotel-Location und einfach durch das Zusammensein. Völlig entschleunigt, ganz im Gegensatz zu den meisten Cons. Hier hat man nicht nur einen Samstag, und auch kein erschlagendes Programmangebot. Hier ist es viel überschaubarer, persönlicher, gemächlicher. Wo man einfach Zeit hat, sich gemeinsam seinem Hobby zu widmen – stressfrei und gemütlich. Mit tollen Menschen, viel gemeinsamer Zeit, einer tollen Location und einer einzigartigen, persönlichen Stimmung, die das herz blühen lässt. Eine Auszeit von Hektik und Stress, und stattdessen ein Kurzurlaub, von dem man lange zehren kann, statt dass man danach Urlaub nötig hat.

Darum liebe ich den Anime Marathon. Letztes Wochenende wäre er gewesen, und ich bin traurig dass er nicht stattfinden konnte. Zu gerne hätte ich Stefan herumgeführt, hätte ihm die Kleinigkeiten und Details gezeigt, hätte ihm meine Freunde und Bekannte vorgestellt, die nur auf diesen Con anzutreffen sind, und wir hätten ein tolles Wochenende verbracht. Eine Mischung aus Entspannungsurlaub und ein wenig „Con wie früher“. Statt „Rentner-Con“ wohl eher Wellness-Con – und statt „höher-schneller-weiter“ vor allem: einzigartig.

Titelbild: Anime Marathon
Fotografien: Michael Fuchs

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